Klaus Paukovits, Chefredakteur

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Editorial 1/2012

Europa bekommt derzeit seine eigene bittere Medizin zu schmecken. Die Lektion lautet: Gläubiger springen mit Schuldnern um, wie es ihnen beliebt. Weil sie es können.

Europa ist in den letzten 600 Jahren zum globalen Machtzentrum geworden. Wir haben in der Zeit die Finanzwirtschaft und den Kapitalismus erfunden. Wir haben die Macht entdeckt, die darin liegt, andere nicht nur zu besiegen, sondern auch auszubeuten und finanziell abhängig zu machen. Ganze Kontinente wurden 
kolonialisiert, und egal wie blutig die jeweilige Unterwerfung passiert ist, das Ergebnis war immer gleich: Die Bodenschätze der Kolonien wurden durch Sklavenarbeit ausgebeutet und nach Europa verschifft. Der Gewinn dieser Transaktionen verblieb bei den euro­päischen Handelsunternehmungen. Im Gegenzug mussten die Unterworfenen die europäischen Waren kaufen und dafür auch noch Kredite bei den Kolonialherren aufnehmen. Das System funktionierte jahrhundertelang, mit einer Ausnahme: Die euro­päischen Siedler Nordamerikas hatten einmal genug von der finanziellen Gängelung durch das englische Mutterland, warfen die britischen Truppen raus und gründeten ihr eigenes Macht­zentrum – unter Verwendung und Weiterentwicklung dieses spezifisch 
europäischen Know-hows. „Der Westen“, wie Europa und Nordamerika seither 
genannt werden, war Gläubiger der Welt. Der Rest bestand aus Schuldnern. 

Dabei blieb es auch nach dem Ende der Kolonialzeit. Alles lief bestens für uns. Aber wenn dem Esel zu wohl wird, geht er aufs Eis tanzen: Als das Wirtschaftswachstum nicht mehr schnell genug ging, begann sich der Westen zu verschulden, um sich weiterhin Wachstumsraten vorgaukeln und Güter anhäufen zu können. Denn was sollte schon passieren? Schließlich nahm man die Schulden ja quasi bei sich selber auf! Aus diesem Irrtum erwachen wir gerade. Die Welt hat sich verändert. Wir müssen Länder wie China, Brasilien oder die Türkei bitten, europäische Anleihen zu kaufen, damit wir weiterhin flüssig sind. Oder wir machen uns noch mehr als bisher von den „Finanzmärkten“ abhängig. Das sind anonyme Banksysteme alteuropäischer Schule, die dem Schuldner auch noch das letzte Hemd ausziehen und draufhauen, wenn er nicht anständig spurt.

Deshalb ist Europa wegen der Schuldenkrise so beunruhigt: Nicht wegen der paar Prozent Wirtschaftsschrumpfung, die drohen, und den paar Prozent mehr Arbeitslosen, die wir leicht auffangen und integrieren könnten (wenn wir es wollten). Sondern weil wir wissen, wie rücksichtlsos Gläubiger sein können. Hoffentlich sind unsere Geldgeber zivilisierter als wir früher waren. Oder finden wir aus eigener Kraft bessere Lösungen als überall um Geld zu betteln? 

Willkommen im Jahr 2012. Es wartet genug Arbeit auf uns.