Chefredakteur Klaus Paukovits

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Editorial 6/2011

Der Staat im Bad

Haben Sie eine Dusche oder eine Badewanne? Gibt es in Ihrer Wohnung ein eigenes WC?
Diese beiden Fragen sind an und für sich völlig unspektakulär. Und doch entzündete sich genau an diesen beiden Fragen in Deutschland eine große, grundsätzliche Dis­kussion.
Sie sind nämlich Teil der Mitte Mai angelaufenen Volkszählung. Wer sich weigert, die Fragebögen auszufüllen, kann mit einer Verwaltungsstrafe von bis zu 5.000 Euro belegt werden.
Da stellen sich viele die Frage: Darf der Staat seine Einwohner fragen, wie sie ihre Badezimmer ausgestattet haben? Und wozu will er das überhaupt wissen?

Die deutsche Volkszählung hat eine interessante Geschichte. Zuletzt wurde nämlich 1987 im Westen und gar 1981 im Osten gezählt, seitdem war Pause.
Nun hat sich in den vergangenen 24 Jahre bei unserem großen Nachbarn bekanntlich ja doch einiges getan: Die DDR mit 17 Millionen Einwohnern ergänzt schon längst die BRD.
Jetzt wird wieder mal gezählt, und zwar gründlich: Neben einer Zusammenführung verschiedener Daten von Einwohnermeldeämtern oder Sozialversicherungen werden 10 Prozent der Bevölkerung per Zufallsgenerator ausgesucht und persönlich von Inter­viewern besucht. Zusätzlich werden alle Immobilienbesitzer schriftlich aufgefordert, den Fragebogen auszufüllen.
Zum Beispiel eben auch, ob sie ein Bad und ein Klo besitzen.

Das Bad ist der intimste Raum einer Wohnung.
Hier ist der Mensch nackt und schutzlos. Darüber zu sprechen, dazu gehört viel Feingefühl – das weiß jede Schauraumberaterin, die täglich damit zu tun haben. 
Es ist also kein Wunder, dass der Protest gegen die Volkszählung ausgerechnet von den Fragen ausgeht, die Auskunft über diesen höchstpersönlichsten Bereich begehren. Die dahinterstehende Sorge ist auch nicht, dass die Haustüren dann mit kleinen Zettelchen ausgestattet werden: „Hier wohnt ein Warmduscher, der hat nicht mal eine Badewanne“ oder so.
Die Sorge gilt einem Staat, der Milliarden an Datensätzen über seine Bürger sammelt, deren Verwendungszweck unklar ist und die teilweise in höchstpersönliche Lebensbereiche hineingehen (neben der Sanitärausstattung geht es auch um Religion, berufliche Karriere, Herkunft der Eltern und so weiter).
Wo Daten in großem Stil gesammelt und gespeichert werden, dort können immer wieder Fehler passieren, Daten irrtümlich veröffentlicht oder gar gestohlen werden.  
In Österreich ist es ab Herbst wieder so weit, dass das Volk gezählt wird.
2001 gingen die Zählorgane noch ganz klassisch von Tür zu Tür. Heuer werden wir nichts davon merken, da – anders als in Deutschland – ausschließlich existierende Daten von den verschiedenen Ämtern zusammengeführt werden. Selbstverständlich anonymisiert, so lautet das Versprechen.
Seien Sie mir nicht böse, aber ich habe Bauchweh. Wenn schon Sony, Visa oder Facebook die Daten ihrer Kunden nicht ordentlich sichern können, wenn Wikileaks dauernd riesige Datenmengen aus öffentlichen und halböffentlichen Stellen zugespielt bekommt – wie sollen dann unsere magistratischen Bezirksämter unsere Meldezettel garantiert sicher digitalisieren, kopieren, anonymisieren und überspielen können? Hoffentlich geht das gut.

Volkszählungen seien notwendig, um den Staaten verlässliche Daten für den Länderfinanzausgleich zu geben, so sagen die Verantwortlichen. Der Staat brauche außerdem verlässliche demografische Daten darüber, wo er zum Beispiel neue Schulen planen oder neue Wohnungen errichten müsse.
Na, hoffentlich vergessen sie dann nicht darauf, überall Klos und Bäder einbauen zu lassen. Damit wenigstens die Installateure was von der ganzen Zählerei haben!