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Editorial 3/2011
Goldenes Handwerk
Heute will ich mal ein Experiment mit Ihnen machen, machen Sie mit? Sehr gut, danke!
Bitte legen Sie das Heft vor sich auf den Tisch und Ihre Hände rechts und links neben diese Seite. Sie sollten zehn Finger sehen: fünf an der einen, fünf an der anderen Hand.
Jetzt die Frage: Welchen dieser Finger würden Sie für vier Euro rühren?
Ich sage Ihnen auch, wie ich auf diese Frage komme. Im Jänner habe ich bemerkt, dass bei meiner Jacke beide Taschen aufgerissen sind.
Zuerst habe ich an Do-it-yourself gedacht, wozu war der Opa Schneider? Also habe ich mir Nadel und Faden gesucht, den Fernseher zum Berieseln aufgedreht und mit dem Nähen begonnen.
Diesen Versuch in häuslichem Pfusch habe ich bald aufgegeben. Ich habe nämlich bemerkt, dass auch der Stoff schon in Mitleidenschaft gezogen war, dass passende Stellen zum Durchführen der Nadel schwer zu finden sind und dass es außerdem ganz schön schwierig ist, nicht irrtümlich das Innenfutter der Jacke mitanzunähen.
Da habe ich mir lieber von der Putzerei ums Eck eine Änderungsschneiderei empfehlen lassen, meine Jacke dorthin gebracht und mich in die Obhut des Fachhandwerks begeben. War ein vertrauenswürdiger kleiner Laden, vorne Geschäftsraum, im Hinterzimmer die Werkstatt, dazwischen ein alter Ölofen mit dem Menage-Reindl drauf, in dem das Mittagessen vor sich hingesimmert ist.
Als ich eine Woche später beim Abholen der Jacke, die tadellos wiederhergestellt war, den Preis gesagt bekam, da habe ich zweimal nachfragen müssen: vier Euro. Vier Euro für das Annähen zweier Jackentaschen. Sauber abgesteppt, rundherum ordentliche Handwerksarbeit – für vier Euro.
Ich war so überrascht, ich hab sogar vergessen, Trinkgeld zu geben, das tut mir heute noch leid.
Vier Euro. Brutto. Darum bekommt man heutzutage gerade mal eine Melange (plus Trinkgeld, hoffentlich!). Oder eineinhalb Obdachlosenzeitungen. Oder sechs Gurken.
Selbst in Schillingen, und die Umrechnung in Schillinge ist normalerweise ein verlässliches Mittel sich ob der Höhe einer Summe ordentlich zu schrecken, selbst in Schillingen ist das nix: 55 Schilling.
Für eine fachlich versierte, gewerberechtlich brav angemeldete, meistergeprüfte Dienstleistung, wohlgemerkt.
Denn da steckten einige Arbeitsschritte drinnen. Zuerst musste der Schaden begutachtet werden. Dann hat die Schneiderin einen farblich passenden Zwirn gesucht, sich zur Nähmaschine gesetzt, den Zwirn eingespannt und zu Nähen begonnen. Sie muss mehrfach angesetzt haben, denn es ging ja zweimal um die Ecke. Außerdem hat Sie auch gut aufgepasst, dass sie nur außen näht, denn das Innenfutter war an keiner Stelle auch nur angekratzt. Dann noch die Rechnung schreiben und die Jacke auf den Haken hängen.
In Arbeitszeit gesprochen dauert das mindestens eine Viertelstunde, und das ist eher niedrig geschätzt. Das macht einen Stundenlohn von 16 Euro – und das für eine Unternehmerin!
So ein Handwerk verdient keine goldene Nase, da muss man froh sein, wenn man nicht auf den Hund kommt, der am Boden der Geldtruhe aufgemalt ist.
Damit komme ich zum zweiten Teil des Experiments.
Bitte heben Sie jetzt den Kopf, schauen Sie sich Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an. Verlangen sie für die Arbeitsstunde Ihrer Leute mehr als 16 Euro vom Kunden? Ja, nicht wahr? Und sind Sie es nicht auch wert?
Bei allem Jammern, das oft genug angebracht ist: Seien wir froh, in einer zukunftsträchtigen Branche zu arbeiten, in der gutes Geld für gute Leistung verlangt werden kann.
Und noch was: Schmeißen Sie kaputtes Gewand nicht gleich weg, die Industrieware von der Stange kommt nicht billiger. Bringen Sie es zum Reparieren in eine Schneiderei, die Leute werden es Ihnen mit guter Arbeit danken. Sind ja als Handwerker in der gleichen Sparte organisiert wie Sie auch.
