
Klima-Lüftung
Zukunft Bauen mit Lüftung
Eine Expertenbefragung zum Thema „Wie werden wir wohnen – und wie lüften?“
Die gebaute Umwelt erscheint uns weitgehend stabil, was auch die Baustatistik bestätigt: Sowohl der Neubauanteil als auch die Sanierungsrate bewegen sich in der Größenordnung von etwa einem Prozent. Dennoch sind wir mitten in einem dynamischen Umbruchprozess, dessen markanteste Anzeichen die zunehmenden Berichte über klimaschonende Neubauten, energetische Sanierungen oder neue Gebäudekonzepte sind. Nearly Zero Energy Building Das Ziel ist durch die neue Europäische Gebäuderichtlinie 2010 vorgegeben: Sie fordert das Nearly Zero Energy Building. Das ist ein "Gebäude, das eine sehr hohe Gesamtenergieeffizienz aufweist. Der fast bei null liegende oder sehr geringe Energiebedarf sollte zu einem ganz wesentlichen Teil durch Energie aus erneuerbaren Quellen – einschließlich (solcher), die am Standort oder in der Nähe erzeugt wird – gedeckt werden." Der Begriff wurde vorerst übersetzt mit "Niedrigstenergiegebäude" – das jedoch nicht gleichbedeutend ist mit dem "Niedrigstenergiegebäude" gemäß ÖNORM B 8110-1! Diese Vorgabe macht deutlich, dass die Veränderungen vor allem die Substanz betreffen werden. Auch wenn die äußere Erscheinung der Gebäude weitgehend gleich bleibt, wird sich im Inneren vieles ändern:
- Herkömmliche Heizung wird überflüssig, weil sich der Heizwärmebedarf drastisch verringert.
- Die Gebäude werden sehr dicht sein und eine Lüftung haben, die – mehr oder weniger automatisiert – für die hygienisch und technisch notwendige Frischluftzufuhr sorgt.
- Energie wird nicht mehr nur zentral zur Verfügung gestellt, sondern auch dezentral erzeugt.
- Fossile Energieträger werden durch erneuerbare ersetzt.
- Intelligente Netze, Zähler und Steuerungen werden für die bestmögliche wechselseitige Anpassung von Energie-Bereitstellung und -verbrauch sorgen.
- Das Auto bekommt zusätzliche Funktionen: Elektroautos können die Rolle von dezentralen Speichern übernehmen.
Expertenbefragung Zukunft Bauen 2011
Während das Ziel also schon ziemlich klar definiert ist, herrscht bei den Wegen noch Wildwuchs und Verwirrung. So gibt es eine unüberschaubare Vielfalt von Gebäudekonzepten, und eine Konsolidierung ist nicht absehbar: Im Gegenteil, laufend werden neue Ansätze präsentiert. Das verwirrt nicht nur Bauherren und Bauträger, sondern sogar die Bauexperten. Dieses einhellige Feedback gab den Anstoß, das Thema systematisch zu untersuchen. So wurde die Expertenbefragung "Zukunft Bauen" konzipiert und Anfang 2011 durchgeführt. Anhand einer sorgfältig redigierten Liste von energiesparenden Bauweisen wurde gefragt, welche dieser Konzepte man kennt, selbst schon gebaut hat oder zukünftig bauen wird, und vor allem: welche sich im Markt durchsetzen werden.
Marktaussichten der Gebäudekonzepte
Zentrales Ergebnis der Studie: Niedrigenergiehaus und Passivhaus führen bei allen Fragen, so auch bei den Marktaussichten. Ein Dominieren einzelner Gebäudekonzepte ist für die nächsten fünf Jahre dennoch nicht zu erwarten. Das breite Feld in Grün zeigt an, dass uns die Vielfalt erhalten bleiben wird. Sicher abzulesen ist hingegen, dass es mehr Häuser mit Lüftung und weniger mit herkömmlicher Heizung geben wird.
Herausforderungen für die Baubranche
Der zweite Schwerpunkt der Studie sollte erheben, welchen Herausforderungen sich die Baubranche stellen muss. Auch dazu wurde eine Liste vorgegeben, um zu vergleichbaren Ergebnissen zu kommen. Die Antworten bestätigen die Auswahl der Themen: Keine der 16 vorgegebenen „Fragen, vor denen die Baubranche steht“ bekommt eine Durchschnittsnote schlechter als 2,5. Das dominierende Thema ist "Energie": Die Plätze drei bis neun belegen direkt oder indirekt energierelevante Themen wie "Energieausweis", "Erneuerbare Energie", "Primärenergiebedarf" und "Heizwärmebedarf". Dass die beiden Letztgenannten gleichauf liegen, ist ein interessantes Detail für Spezialisten. Auffällig ist auch, wie unterschiedlich manche der Stichworte eingeschätzt werden, die eigentlich auch thematisch eng zusammengehören. Das gilt vor allem für die drei Spitzenreiter und deren "andere Hälfte".
- Spitzenreiter ist die „Vermeidung sommerlicher Überhitzung“ mit einer Durchschnittsnote von 1,64 – die „Wärmespeicherfähigkeit“ hingegen landet mit 2,07 nur im Mittelfeld.
- Die "Innenraumluftqualität" landet mit der Note 1,65 ganz vorne – doch von der "kontrollierten Wohnraumlüftung" erwarten sich die Experten weniger, wie das Durchschnittsergebnis von 2,16 zeigt.
- Der "Energieausweis" wird mit einer Note von 1,68 als enorm wichtiges Thema angesehen – die "nachhaltige Gebäudezertifizierung" landet mit 2,34 nur auf dem vorletzten Platz.
Wohin entwickelt sich die Lüftung?
Für die Branche besonders interessant ist wohl die mittlere Paarung: Der Unterschied von einer halben Note (∆ = 0,51) könnte bedeuten, dass wohl die Qualität der Raumluft unbestrittenes Thema ist, nicht jedoch die Methode der Lüftung. Die unterschiedliche Bewertung ist jedenfalls ein Impuls, genauer nachzufragen.
"Zukunft Bauen 2012" im Zeichen der Lüftung
Bei der nächsten Durchführung der Expertenbefragung Anfang 2012 wird daher das Thema "Raumluft" genauer untersucht. Erste Ergebnisse werden im Rahmen der "Bauen & Energie" im Rahmen des IBO-Kongresses (17. und 18. Februar 2012) präsentiert.
Mag. Siegfried Wirth Consulting & Coaching
Der Autor ist Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt auf Ökologie und Nachhaltigkeit im Bausektor.
