Sanitär

Gedanken zum Generationenbad

Credit: Veronika Egger

Ein exklusiver Kommentar von Veronika Egger, Vorsitzende von „design for all“.

von: Veronika Egger

Um es gleich vorweg zu sagen: DAS Generationenbad gibt es nicht. Ob 5 oder 15 m2 zur Verfügung stehen, ist unerheblich. Ein gutes Generationenbad lebt von den sichtbaren und verborgenen Nutzungsqualitäten, die Bewohner/innen vorfinden sollen. Es ist viel mehr als altersgerechte oder barrierefreie Planung. Es hat eine persönliche und eine gesellschaftliche Dimension. Zuallererst geht es natürlich um Funktionalität und Komfort im Alltag. Die Wünsche der Kund/innen können inzwischen mit einem umfangreichen Produktangebot in allen Qualitätsklassen erfüllt werden. Und viele Anbieter, Berater/innen und Handwerksbetriebe haben die Zeichen der Zeit erkannt, sie können die Nachfrage bedienen und kompetent beraten. Wer in der angenehmen Situation ist, jeden Kunden persönlich zu kennen, hat die Chance, konkrete Wünsche in die Planung mit einzubeziehen. Die offensichtliche schwellenlose Dusche, der einfache Einstieg in die Badewanne, Haltegriffe, die Kosten, die Ästhetik, und wie das alles in den Grundriss passt, das sind die ersten Schritte. Und es ist befriedigend für alle Beteiligte, im Planungsprogramm rasch vor den Augen der Kund/innen ein neues Bad entstehen zu lassen. Doch für eine wirklich nachhaltige Lösung müssen wir ein wenig hinter die Kulissen schauen und weitere Details "herauskitzeln". Das heißt, Verstehen, wie der Lebensalltag wirklich funktioniert oder in Zukunft funktionieren soll. Welche Gewohnheiten und Vorlieben hat jemand, welche Bewegungsabläufe oder Unsicherheiten? Welche Fähigkeiten? Benützen Enkelkinder und Oma das Bad? Ist absehbar, dass sich in naher Zukunft etwas verändern wird? Die Gestaltung eines Generationenbads kann im Einzelfall also keinen Patentrezepten folgen. Und die richtige Beratung macht sich dann bemerkbar, wenn wir die Wünsche und Erwartungen übertreffen können. Mit funktionalen Aspekten, an die unsere Kund/innen nicht gedacht hätten. Mit verborgenen Qualitäten in einem Produkt, wie zum Beispiel eingearbeitete, nicht sichtbare Haltegriffe, gut erreichbare Steckerleisten, einfach greifbare Armaturhebel, und Modularität bei Einbauten für Erweiterbarkeit oder Reduktion bei geändertem Platzbedarf oder Bewegungsradius.Wenn wir die Nutzungsanforderungen im Detail verstehen, dann wissen wir auch, mit welchen Produkten die notwendige Funktionalität gegeben ist. Denn oft ist es gar nicht notwendig, so genannte "barrierefreie" Produkte zu verwenden. Die Zeit in die Beratung zu investieren, lohnt sich also. Sie erweitert die Produktauswahl und kann damit den individuellen Wünschen der Kund/innen besser entgegenkommen.

Das Generationenbad und seine gesellschaftliche Dimension
Die gesellschaftliche Dimension des Generationenbads ist die der Veränderbarkeit über Zeit, sodass sich ein Raum, ein Wohnbereich den Anforderungen zukünftiger Generationen anpassen kann. Wenn wir ein Haus bauen, dann doch auch für nachkommende Generationen, so hoffen wir zumindest im privaten Umfeld. Umso mehr muss im mehrgeschoßigen Wohnbau darauf geachtet werden, dass der vorhandene Wohnraum an Menschen verschiedenen Alters und mit ganz unterschiedlichen Anforderungen vermietet oder verkauft werden kann.
In Österreich läuft das unter dem Titel "Anpassbares Wohnen" und ist eine der Anforderungen an den öffentlich (mit)finanzierten Wohnbau. Die einfache und kostengünstige Veränderung des Sanitärbereichs bei Bedarf spielt eine Schlüsselrolle. Nur - weiß fünfzehn Jahre nach Errichtung und dem übernächsten Mieter oder Eigentümer noch jemand, dass der Sanitärbereich anpassbar geplant wurde? Werden solche cleveren Grundrisse als Qualitätsargument für die Wohnung angepriesen?
Die Landeswohnbau Kärnten ist einen Schritt weiter gegangen und hat diese Anforderung noch grundlegender gelöst. Ein modulares Wohnhaus, das mitwächst und sich den Bedürfnissen der Bewohner/innen anpasst. Kleine Grundmodule von 40 m2 beinhalten jeweils einen barrierefreien Sanitärbereich. Zwischen den Grundmodulen befinden sich weitere Zimmer, die flexibel dem einen oder anderen Grundmodul zugeordnet werden können.
In dieselbe Kerbe schlägt ein Projekt der TU München, die einen "Systembaukasten Geschoßwohnungsbau" entwickelt hat, der modulare Veränderbarkeit sowohl des Sanitärraums, als auch des gesamten Wohnraums ermöglicht. Durch Nutzung der Potenziale industrieller Prozesse können mit seriell vorgefertigten Elementen Wohnbereiche je nach Anforderung konfiguriert werden. Mit diesem Projekt waren sie einer der Preisträger der Universal Design Award 2017.
Das Bad ist einer der Knackpunkte wenn es darum geht, im Alter oder nach einem Unfall in der vertrauten Umgebung bleiben zu können. Jede andere Lösung ist nicht nur ein persönlicher Verlust, sondern mit deutlich höheren Kosten verbunden. Ob im Einfamilienhaus oder in der Wohnung, die Nutzungsqualität und die Anpassbarkeit sind die zwei wichtigsten Merkmale eines Generationenbads. Es verkörpert auch einen Geist der Gemeinsamkeit, des Zusammenlebens. Es ist nicht allzu lange her, da war jedes Bad ein Generationenbad - irgendwie haben wir uns immer alle arrangiert, mehr oder weniger chaotisch je nach verfügbarem Raum. Ein wenig von dem Gefühl, dass Platz für alle ist, dass sich alle zuhause fühlen können, ist ein Ziel des modernen Generationenbads. Nur eben mit dem Komfort, den uns die Produktvielfalt und die technischen Möglichkeiten heute bieten.

Universal Design Wettbewerb 2018
Der Design-Wettbewerb, an dem auch Nicht-Designer teilnehmen können. Sie gestalten oder entwickeln Produkte, Planungen oder Services, die einer breiten, einfachen und intuitiven Nutzbarkeit und einer generationsübergreifenden Handhabung entsprechen? Dann nehmen Sie teil und lassen Ihren Beitrag von einer Experten-, sowie einer Consumerjury bewerten. Die Juryausstellung findet im Oskar von Miller Forum in München statt und ist als Einzelveranstaltung Teil der Munich Creative Business Week (MCBW) 2018. Die Preisträger von 2017 und Anmeldemöglichkeit für 2018 finden Sie unter: http://www.universal-design.org/ - design for all ist Mitglied und Partner von Universal Design Forum e.V

design for all
Der 2006 gegründete Verein ist Netzwerk und Kompetenzzentrum für Gestaltung, die nicht stigmatisiert, wo Funktionalität und attraktives Design kein Widerspruch sind, wo "barrierefrei" mehr Freiheit als Barriere ist.

 

 

Credit: Moritz Segers, Hannes Gumpp, TU München
Credit: Moritz Segers, Hannes Gumpp, TU München
Credit: Landeswohnbau Kärnten

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