7-8a/2018 Heizung

Bauteilaktivierung am runden Tisch

Krisztian Juhasz
Die Talkrunde zum Thema Bauteilaktivierung (v.l.n.r.): DI Sebastian Spaun (VÖZ), Andrea Baidinger, Baumeister Ing. Andreas Waha, BIM KR Ing. Michael Mattes und Ing. Martin Pechal (Chefredakteur „Der österreichische Installateur“).
Krisztian Juhasz

Die Experten-Gesprächsrunde zum Thema Bauteilaktivierung mit Andrea Baidinger (u. a. zuständig für die PR-Arbeit des VÖZ), dem Geschäftsführer der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) DI Sebastian Spaun, Bau­meister Ing. Andreas Waha und dem Bundesinnungs­meister der österreichischen Installateure KR Ing. Michael Mattes.

von: Martin Pechal

Die Bauteilaktivierung wird seit Kurzem auch im mehrgeschossigen Wohnbau eingesetzt. Intensiv diskutiert wurden daher Fragen wie: Wie können Installateure besser eingebunden werden, um neue Technologien auch in hoher Qualität umsetzen zu können? Haben wir genug Installateurbetriebe, die an innovativen Ideen interessiert sind? Und wie sieht es mit jungen Talenten in unserer Branche aus? Die Entwicklung innovativer Systeme für das Heizen und Kühlen von Gebäuden, wie beispielsweise die Bauteilaktivierung, werfen aber auch viele Fragen zur Zusammenarbeit der unterschiedlichen Gewerke auf. Dazu kommen auch noch andere relevante Themenfelder, die mit Branchenvertretern diskutiert wurden.

Baidinger: Wie stehen die Installateure zum Thema Bauteilaktivierung?

Mattes: In Bezug auf die Informationen zu diesem interessantenThema möchte ich seitens der Installateure zunächst mehrere Kritikpunkte anbringen: Das Branchenmagazin wird leider von zu wenigen Personen gelesen. Ein weiterer schwieriger Punkt ist die Preispolitik - alles muss billig sein. Wenn ich jetzt an komplexe Themen wie die Bauteilaktivierung denke - bei der nicht nur regelungstechnisch einiges gefordert ist -, dann wird sich das in Durchschnittsprojekten nur schwer ausgehen. Auch die Industrie hegt diesen Wunsch: Alles soll billig und einfach sein. -Eingebaut werden größtenteils die "billigen Varianten" - daran scheitern viele interessante Projekte und die Effizienz bleibt auf der Strecke (siehe Ökodesign/Brennwertgebot). Damit es zur stärkeren Umsetzung von Bauteilaktivierungsprojekten kommt, muss einiges passieren. Der Wille und der finanzielle Background müssen da sein. Oft laufen größere Projekte über einen Planer. Da wissen wir (Anm.: die Installateure) von Beginn an zunächst gar nichts. Die einzelnen Gewerke sind zu abgegrenzt.

Baidinger: Wie sieht es mit den Baumeistern aus?

Waha: Es ist im Prinzip ähnlich. Es gibt zwei Arten der Wirtschaft: Entweder es geht uns allen sehr gut, da hat keiner Zeit, etwas zu tun. Oder es geht uns allen sehr schlecht, da haben wir dann überhaupt keine Zeit, etwas zu verändern. Wir produzieren enorm viel Papier, das gut aufbereitet ist, und versuchen, im Bereich Marketing immer mehr zu tun. Spaun: Anfang der 2000er-Jahre haben wir begonnen, uns für die Geothermie, also Erdwärmegewinnung über Betonfundamente, zu interessieren. Somit waren die ersten Annäherungen, Beton als Wärmetauscher zum Erdreich/Fels zu verwenden, Tiefgründungen, Schmalwände und sogar die Tunnelschale des Lainzer Tunnels. Damals hatten wir noch keine Ahnung, wie man die gewonnene Energie dann über die Erde mittels Beton im Gebäude verteilen und sogar speichern könnte. Nach drei Jahren "Flaute" haben wir dann 2007-2009 das Thema der sommerlichen Überhitzung von Gebäuden aufgegriffen. Das Thema der sommerlichen Überhitzung schreit förmlich nach dem Baustoff Beton. Die VÖZ ist damals auf einige wenige Pioniere gestoßen, die Bauteilaktivierung nicht nur als Flächenheiz- oder Kühlsystem in Bürobauten verwendeten. Diese Experten haben nämlich Solarenergie in Betonbauteilen eingelagert, zunächst in Bodenplatten. Darauf aufbauend haben wir begonnen, - anfangs verstärkt im Raum Salzburg - Forschungsprojekte gemeinsam umzusetzen (ARGE Bauteilaktivierung). Bald kam es zu einem Umdenken, weg von der Bodenplatte hin zu den Decken, weil "Kühlung" von oben einfach effektiver funktioniert und klimapolitisch von zunehmender Bedeutung ist. Die immer besser gedämmten Gebäudehüllen, die uns in unseren Überlegungen sehr in die Hände gespielt haben, und der somit geringere Heiz- bzw. Kühlbedarf haben die Bedeutung von gebäudeintegrierten Speichern in Form von ohnehin vorhandenen Betonbauteilen in den Mittelpunkt unserer Überlegungen gerückt und die Tatsache, dass wir mit der Betondecke im Unterschied zum Estrich viermal mehr Speicherwirkung erzielen können. Dadurch können sonnenlose Zeiten überbrückt werden. Irgendwann hat es dann geklingelt: Was mit Solarthermie vor allem im Westen gut funktioniert, können wir ja auch mit Windstrom und Wärmepumpe in den nebeligen Wintermonaten in Ostösterreich probieren und dabei auch noch die heillos überlasteten Stromnetze entlasten. Wenn wir 24 bis 56 Stunden ohne Wärmeerzeuger auskommen, dann können wir viel Windstrom einfangen. Und so entstand die Idee zum Pilot-Einfamilienhaus in Göllersdorf (NÖ). Bauteilaktivierung in Kombination mit Erdkollektor und Wärmepumpe, die via "Handysignal" mit -einem Windpark nahe Parndorf "smart" zusammengeschaltet wird. Erzeugt der Windpark zu viel Strom, der nur zu schlechten Preisen im Netz Platz findet, bekommt die Wärmpumpe ein Freigabesignal, dass sie jetzt die Betondecke aufwärmen soll - die Betondecke als thermische Batterie; das hat verblüffend gut funktioniert.

Baidinger: Tatsächlich geht es doch darum, wie die Branche es schafft, die Vorstufe zu meistern. In Wirklichkeit gibt es nicht genügend Fachleute, die das Ganze umsetzen können. Haben die Installateure einen Masterplan? Wie sieht die Zukunft des Gewerbes aus?

Mattes: Die Evaluierung über die Ausbildung hat ergeben, dass dringend etwas passieren muss. Im Prinzip schaut es folgendermaßen aus: Zwei Jahre Grundausbildung sind für alle drei Gewerke (Sanitär-, Heizungs- und Klima-/Lüftungstechnik) gleich. Dann folgt ein Jahr, in dem die Spezialisierung auf die jeweilige Fachrichtung erfolgt. Im 4. Lehrjahr kann man Mess-, Regel- und Elektrotechnik als Zusatzmodul wählen, wobei hier eine erhöhte Nachfrage wünschenswert wäre, da das für alle drei Fachrichtungen von Bedeutung ist. Sie sehen also: Es muss sich grundlegend etwas ändern. Hinzu kommen Schulabgänger aus der Pflichtschule, von denen 20 Prozent (zumindest in Wien) AMS-Dauerkunden bleiben! Die Chance, eine Lehre zu bestehen, ist für diese Schüler gering. Also sollten wir die Lehre teilen, z. B., dass diese Absolventen wissen, wo ein Rohr verlegt werden kann, wie man das Rohr angreift, und jene, etwa mit Kenntnissen im Bereich Mess-, Regel- und Elektrotechnik, die die Technik von komplexen Anlagen beherrschen. Als ich zur Innung gekommen bin, lud man mich zu einem Schulausschuss ein. Ich bin mit der vorherrschenden Praxis in den Berufsschulen nach wie vor nicht ganz zufrieden: Warum unterrichtet man z. B. nicht Englisch direkt in der Werkstätte? Das wäre doch sinnvoll und zielführend - man lernt, wie das Werkzeug heißt, und spart die Zeit im Klassenzimmer für wichtige technische Informationen. Jedes Jahr findet ein "Teachers Day" statt, in Zuge dessen HTL-Lehrer in die Berufsschulen kommen, da auch die HTL sinkende Schülerzahlen verzeichnen. Es fehlt an Ansätzen, die greifen.

Baidinger: Man bemühte sich jahrelang, die Lehre mit Matura zu forcieren; wäre ein anderer Weg vorstellbar, etwa dass man Maturanten holt, um eine Lehre zusätzlich zu machen?
Waha: Das muss von zu Hause gefördert werden. Jedes Elternteil sagt zu Hause: Ein Maurer oder Intallateur - so die häufig vorherrschende Meinung - sind Arbeiter, die den ganzen Tag schuften müssen. Sie verdienen gut, aber die Eltern sagen: "Meinen Kindern soll es besser gehen; die sollen lernen." Eine Matura hilft vielleicht tatsächlich, aber wir haben einen Überschuss an Leuten mit höherem Abschluss.

Mattes: Es gibt viele Schulabbrecher. Beispielsweise in der HTL im ersten Jahr. Wir - also die Innung - haben uns mit dem Wiener Gewerbe zum Elternsprechtag in den HTL zusammengesetzt. Dort wurde Schülern gesagt, dass sie keine Chance in dieser Schule hätten und sie sich etwas anderes suchen sollten. Wir stellten Berufe vor (alle waren vertreten: Bau, Elektriker etc.) und Informationen zur Verfügung. Die meisten Schüler und Eltern haben uns nicht einmal wahrgenommen ...

Pechal: Das Imageproblem wird ja nun schon länger diskutiert - es soll auch Lehrlinge geben, die sagen, ihnen gefällt das Arbeiten und sie wollen in dem Beruf tätig werden. Die sind gar nicht daran interessiert, die Matura zu machen. Wenn aber jemand in einem Betrieb später im Management arbeiten möchte, braucht man trotzdem das "Werkzeug" dafür. Das bekommt man in einer weiterführenden Ausbildung. Es gibt umgekehrt ein Programm vom AMS, das auf Maturanten abzielt, die zu Facharbeitern umgeschult werden ... Die Möglichkeiten sind also durchaus vorhanden.

Waha: Wir - sei es nun Innung, Planer oder Industrie - sind oft zu spät dran. Wir machen zwar Schulbesuche in der dritten oder vierten Klasse Hauptschule. Fragt man da die Schüler, wer z. B. Maurer werden will, hebt kein einziger die Hand. Die Schüler haben zu diesem Zeitpunkt also schon selbst entschieden, dass das nichts für sie ist. Vielleicht ein positiver Denkanstoß aus dem Bereich Bau: Seit einigen Jahren veranstalten wir die "Kinderbaustelle", zu der wir Volksschulklassen einladen. Dort lernen die Kinder, was Mörtel ist, oder dürfen ein paar Ziegel auflegen und dergleichen. Man muss die Kinder möglichst früh abholen. Der Grundgedanke ist, dass wir es schaffen sollten, dass wir in den nächsten Jahren Nachwuchs haben.

Spaun: Es sinkt auch die Zahl an Planern - also planende Installateure und Baumeister, die noch selbst planen wollen. Ich habe den Eindruck, dass viele von der Industrie versorgt und dahin "erzogen" werden, ein Copy-Paste-System zu übernehmen - und das möglichst ohne individuelle Planung. Ist das ein genereller Trend?

Mattes: Es gibt tatsächlich so einfache Systeme, die es Handwerkern erlauben, rundherum nicht viel Know-how mitbringen zu müssen. Diese bedeuten sicherlich auch eine gewisse Zeitersparnis und werden in Zukunft auch häufiger vorkommen, als wir sie jetzt schon haben. Allerdings muss in einem System auch regelungstechnisch alles zusammenspielen - also ganz entbunden von einer gewissen Grundkenntnis ist der Fachhandwerker nicht. Ich sehe das Problem jedoch eigentlich auf Seite der Planer. Erst wird geplant, dann steht das Haus und dann kommt erst der Installateur und soll noch irgendwas reinzaubern ...

Spaun: Hinzu kommt das Thema Smarthome - die größte Ausgabe im Leben eines Menschen war und ist allerdings das Wohnen bzw. die Errichtung eines Eigenheims. Das teilten sich die Baumeister, Ziegler, die Betoner und Installateure auf. Google und Co. wollen nun ihren Teil vom Kuchen abhaben - aber wenn das so weitergeht, brauchen wir bald keine Regler mehr, sondern nur noch ein Smartphone!

Mattes: Ich bin seit über 45 Jahren Installateur und zudem Elektriker. Ich habe meine Anlagen selbst geplant und gebaut. Meine Heizungsmonteure haben auch gleich die elektrischen Leitungen verlegt und ich habe dann die Anlage in Betrieb genommen. Ich wusste mir stets zu helfen, wenn mal etwas nicht funktionierte. Wenn es Probleme gab, haben wir als Betrieb nach dem Auslöser gesucht, ihn gefunden und dafür gesorgt, dass das Problem beseitigt wird. Eine anderer Aspekt: Das eine Gewerk hat keine Probleme mit der Regelung, das dazugehörige Unternehmen kommt und sagt: "Mein Gerät funktioniert auch." und dann vielleicht noch ein Dritter, der ebenfalls sagt "Meins funktioniert auch.". Aber zusammen passt es dann nicht, weil in der verbindenden Installation irgendwas verhauen wurde. Wir haben vor Jahren als Wiener Innung der Installateure eine Umfrage in diese Richtung gemacht und hatten dabei ein Rücklaufquote von 17-18 Prozent. Abgefragt wurde der Betrieb, das Alter, ob selbst geplant wird, das Verhältnis zu Großhandel oder Baumarkt usw. Die älteren Unternehmer gaben an ,sie planen selber. Die jungen sagten, sie bräuchten nicht zu planen, da dies der Großhandel für sie erledige.

Baidinger: Herr Mattes sagte, dass lediglich 10 Prozent der Installateure Interesse an innovativen Entwicklungen hätten. Wie kann die Branche mehr begeistert werden?
Mattes: Wir haben - z. B. in Wien - zum sogenannten "Installateurfrühstück" eingeladen und Wissen weitergegeben. Es gibt Landesgruppenversammlungen, bei denen man das ebenfalls einbauen könnte, um zu informieren und Interesse zu wecken. Spaun: Bei diesen Treffen hat jedes Bundesland meist seinen eigenen Schwerpunkt - und dann gibt es nochmal Leute, die jeweils eigene Themen anbringen möchten. Es ist schwierig, das Interesse vieler zu wecken.

Waha: Das Interesse an einer Sache wird durch ihren Erfolg geweckt. Es müsste uns gelingen, dass man sieht: Dieser Weg (in Hinblick auf die Bauteilaktivierung) - der bringt etwas. Werbung hilft dabei ein wenig. Man muss sich jedoch häufig einfach auf den Weg machen - am besten mit starken Partnern.Dann kommt die Neugierde der anderen -Kollegen und auch das Interesse der Konsumenten automatisch.

Spaun: Wir brauchen ein Umdenken. Wir brauchen kreative Leute, die wissen, was sie mit den Speichermöglichkeiten in Bauteilen anfangen können. Wir haben immer noch die gleichen Pioniere, aber das sind leider immer noch zu wenige.

Den ungekürzten Bericht finden Sie in der aktuellen Ausgabe 7-8a/2018 auf Seite 40.

 

 


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