Installationstechnik

Der Wortinstallateur

Credit: Andreas Schlagin (Originalfoto)
Grafisch-literarische Nähe zur Branche: die Homepage des Sprachinstallateurs Markus Köhle.
Credit: Andreas Schlagin (Originalfoto)

Markus Köhle, Wortinstallateur, Literat und Sprachkünstler stand nicht nur zu einem Interview zur Verfügung, sondern schrieb auch gleich seine eigene Einleitung zum Gepräch. Viel Vergnügen mit der "Extended Version"!

von: Martin Pechal

Putzerfische. Ja, ich wünsche mir Putzerfische in meinen Abflussrohren. Es ist grad Weihnachtszeit, da darf man sich etwas wünschen. Ich stelle mir meine Abflussrohre als idealen Lebensraum für Putzerfische vor. Im Küchenspülbecken fließt das Abwasser seit Wochen nicht mehr wirklich ab. Es versickert über Nacht. Untertags zeigt es mir, was so alles von Tellern und Besteck gespült wird, bevor ich es in die Spülmaschine stecke. Untertags ist das Spülbecken sozusagen ein persönliches Biotop, mein Teich, der viel über meine Ernährungsgewohnheiten aussagt. Zeig mir dein Abflussknie und ich sag dir, wie du lebst! So gesehen recht simpel: Kaffeesatz, Nudelreste, Rollgerstekörner und typischer Abflussrohrknieschlick. Der fühlt sich sämig, ölig, schmierig an aber gar nicht unangenehm. Wenn's denn gesund wäre, ich könnte mir ein Vollbad in meinem persönlichen Abflussrohrknieschlick vorstellen. Apropos Vollbad. Das ist grad etwas schwierig. Da müsste ich zuerst die Algen entfernen und das Brackwasser abschöpfen und da Letzteres erst knöchelhoch ist und Algen gemeinsam mit diesen schlingpflanzenähnlichen Gewächsen eine Art natürlichen Duschvorhang bilden, möchte ich damit noch etwas zuwarten. Jetzt im Winter fühlen sich die Pflanzen besonders wohl. Sie mögen das feuchtwarme Badezimmerklima. Zwar funktionieren nicht alle Heizkörper in unserer Wohnung aber die, die funktionieren, machen das heuer mit aller Kraft, weil mir rechtzeitig einfiel, sie vor Inbetriebnahme zu entlüften. Der Heizkörperentlüftungsschlüssel ist so ziemlich das einzige Spezialwerkzeug in meinem Haushalt. Genaugenommen gibt es meinen Haushalt ja gar nicht, sondern nur unseren Haushalt. Meine Frau meint ja, wir sollten wieder einmal einen Installateur rufen, weil unsere Therme doch bereits über 20 Jahre alt sei und der Winter lang werden könne und was passiert? Ein Installateur ruft mich. Schickt mir ein schmeichelhaftes Mail und hat mehr Fragen an mich als ich Haushaltsprobleme. Na dann Herr Installateur - wo brennt's?

Die grafische Aufbereitung Ihrer Homepage lässt sofort Assoziationen zum Sanitär-, Heizungs-/Lüftungs- und Installationsgewerbe zu ? Wie kam es zu dieser Idee?
Köhler: Zugegeben, meine Homepage ist nicht ganz dicht. Sie tropft und spuckt wöchentlich ein Wort der Woche aus. Die neue Homepage ist mir sehr lieb, sie war meine größte Investition in diesem Jahr und ich bin mir sicher, dass sie sich bezahlt machen wird. Sie hat ein flottes Rohrendesign. Leute schauen gerne in die Röhre. Die Rohre sind der große Bruder der Röhre. Rohre sind ja meist verborgen, bei mir werden sie hervorgehoben. Das ist ungewöhnlich, fällt auf und bringt sogar die eine oder andere Interviewanfrage.

Warum bezeichnen Sie sich als "Sprachinstallateur"? Was hat es damit auf sich?
Köhler: Ich war ja auch schon Wortbäcker und Satztapezierer. Aber der Sprachinstallateur trifft es insofern gut, als er in mehrere Richtung Assoziationen weckt. Da ist einerseits das Handwerk und andererseits das weite Feld der Kunst, in dem Installationen - vor allem in der Bildenden Kunst - eine wesentliche Rolle einnehmen. In diesem Bereich möchte ich das, was ich mit Sprache mache ebenfalls verortet wissen.

Wo sehen Sie die Parallelen der beiden Gewerke "Installationstechnik" und Dicht- bzw. Schreibkunst und finden sich derlei Anspielungen (wie auf der Homepage) auf das Handwerk auch in Ihren Werken?
Köhler: Ich finde, es ist Zeit für ein Gedicht - es sollte im Übrigen immer Zeit für ein Gedicht sein. Der von mir sehr verehrte Autor Gert Jonke hat einmal ein Gedicht mit dem Titel "Ich bin Schriftsteller" geschrieben. Das hab ich mir als Muster genommen, um meine Gedichtserie "Ich bin Sprachinstallateur" zu verfassen. Hier ein Beispiel:

Ich bin Sprachinstallateur (2)
Ich sorg für Sprachabfluss im Alltagstümpel
Ich bin nicht verfliest und zugenäht
Ich bin offen
Ich sorg aber auch für Dichtung

Ich bin ein Flusensieb für Sickerwörter
Ich hantiere mit Stöpseln, Rohrwürmern und Hochdruckduschköpfen

Ich verwende die Hochdruckduschköpfe als Dampfablassventil,
das Dampfablassventil als Befreiungskanal,
den Befreiungskanal aber als Wegweiser,
welcher auch wohlmeinender Zeigefinger sein soll,
der leichterhand vorbildliche Lebensentwürfe skizziert,
die sich anzueignen schon Kunst aber mehr Wollen ist
und diese Kunstwolle einen sanft umschmiegt, verstrickt oder verhäkelt,
jedenfalls zum streichel- und nicht unantastbaren Kuschelbären macht,
dessen sanftes Brummen Balsam für die Ohren und eine Strickleiter
ins Wurmloch Stammbeisl ist

An der Budel dieses permanenten Zwielichtraums
knips ich mich täglich weg

Ihr habt viele Veranstaltung in der "Alten Schmiede" (eine wunderschöne Location im ersten Bezirk Wiens) gemacht, ist Ihnen und Ihren Kollegen die Handwerkskunst nahe?
Köhler: Für meine KollegInnen kann ich nicht sprechen. Mir aber offen gestanden leider nein. Meine Mutter war Verkäuferin, mein Vater war Maler. Meine eine Oma war Bäuerin, die andere Schihüttenwirtin, ein Opa Bauer, der andere Tischler. Da hab ich schon allerhand mitgekriegt. Nur ist schon im Bastelunterricht klar geworden, dass mein handwerkliches Geschick eher mäßig ist. Meine Laubsägesaiten rissen immer schneller als die der anderen. Meine Magnetspulendrahtwickelungen sahen unordentlich aus, auch wollte die dann nie so recht in Schwung kommen. Eine Zeit lang wollte ich Wagner werden. Als ich erfuhr, dass das mehr mit Rädern als mit Richard zu tun hat, war diese Phase auch wieder vorbei. Gut, nageln ging. Da hatte die Übung doch etwas gebracht. Eine Sommerbeschäftigung war, das Dach unseres Holz- und Geräteschuppens neu zu decken und da jagte ich unzählige Dachpappnägel in die Bretter und hab zwar sicher zig Dachpappnägel verhaut aber nur einen Fingernagel verloren.

Was passiert bei Ihren Veranstaltungen genau?
Köhler: Das ist recht unterschiedlich. Je nach dem im welchen Bereich meiner literarischen Tätigkeit die Veranstaltung angesiedelt ist. Genaugenommen bezeichne ich mich ja als Sprachinstallateur, Poetry Slammer und Literaturzeitschriftenaktivist. Ich verfasse Bücher, Kolumnen, Rezensionen, gebe gemeinsam mit Wolfgang Kühn und Kathrin Kuna die Literaturzeitschrift DUM (www.dum.at) heraus und generell lässt sich sagen: Ich schreibe, um gehört zu werden. Demzufolge ist der Vortrag essentiell. Lebendigkeit, Mündlichkeit, Adersartigkeit sind mir wichtig. Vortragstexte unterscheiden sich von Texten, die gelesen werden sollen. Und das ideale Forum für Vortrgastexte sind Poetry Slams. Poetry Slams sind offene Bühnen an unterschiedlichen Orten (von der Eckkneipe bis zum Burgtehater). Alle dürfen mitmachen, fast alles ist erlaubt. Es geht um eigene Texte. Alle haben fünf Minuten Zeit, das Publikum zu überzeugen und dieses entscheidet, wer eine Runde weiter kommt, und schließlich den Poetry Slam gewinnt. Wer gewinnt ist gar nicht so wichtig, denn es gibt meist nicht viel zu gewinnen (Spenden, Schnaps, etc.). Wichtig ist die Vielfalt des Abends. Das direkte Feedback des Publikums ist spannend. Die Bewertung natürlich subjektiv. Aber das ist Bewertung von Kunst immer. Bei einem Poetry Slam geschieht dies wenigsten transparent.

Haben Sie einen Installateur Ihres Vertrauens?
Köhler: Den hätte ich gerne. Derjenige, der im Juni unsere Therme checkte, kein Prüfpickerl dabei hatte, mir aber versicherte, dieses per Post - wie auch die richtige Rechnung - zu schicken, ist es nicht. Denn per Post hat mich nichts Derartiges erreicht.

Wann ruft Markus Köhle einen Installateur?
Köhler: Bald. Haben Sie einen Tipp für mich?

Viele Installateure hatten in den letzten Jahren mit einer zunehmend schwierigen Auftragslage zu kämpfen. Wie verhält sich das bei Ihnen? Sind Sie gut gebucht?
Köhler: Ich will nicht klagen. Ich bin seit 2007 selbständig und dadurch, dass ich in unterschiedlichen Bereichen der Literatur tätig bin, von keinem ausschließlich abhängig. Ich mache Workshops, Vorträge, Einführungen und Gespräche. Ich mache Lesungen, Poetry Slams und Sprachinstallationen (das nennt man dann meist Performance). Ich schreibe gern, aber das Nichtschreiben dauert länger. Ich habe keine Angst vor der berühmt-berüchtigten Schreibblockade. Doch, hab ich schon. Aber ich bin nicht vom Schreiben alleine abhängig und habe mich diesbezüglich ganz gut abgesichert. Ich habe kein Auto, geringe Fixkosten, keine teuren Hobbys und einen meinen Einkommensverhältnissen angepassten Lebenswandel. Was allerdings eben auch heißt, nicht immer gleich nach einem Installateur oder sonstigen Problemlöser zu rufen.

Gibt es das Problem des Pfusches auch in der Literatur?
Köhler: Sicher. Es ist aber wohl eher ein Dumpingpreis-Problem. Denn es gibt ja weder offiziell anerkannte Literatur-Meisterbriefe noch das eingetragene Gewerbe der Literaturerei. Literat kann sich nennen wer will und Geschmack ist subjektiv. Aber was nicht dicht ist, ist nicht dicht.

Abschließende Worte?
Köhler: Der Dichtungsring ist mein Richtungsding.Denn:

Ich bin Sprachinstallateur (3)
Ich bin nicht Flach- sondern Rohrzange
Ich zangel, züngel, zisch mich zügellos in alle Gullys
Mein Metier ist der Bodensatz, der Quatsch, der das Brackwasser steigen lässt
Sumpftrockenlegung ist mein Programm, Nasszellenforschergeist mein Antrieb
Ich bin der Pümpler der konsumverschlammten Überflussgesellschaft
Ich stößl den Siphon frei von Gegenwartsmatsch

Ich verwende den Gegenwartsmatsch als Gedankensprungbrett,
das Gedankensprungbrett als Schlupfwinkel,
der Schlupfwinkel aber als Gradmesser,
der sowohl existenziell ausschlaggebend, als auch scharf sein,
Verhältnisse zuspitzen und auf den Punkt bringen kann,
ohne dabei darauf zu vergessen,
dass Humor ein nützlicher Waschlappen ist,
Ohren ordentlich durchzuputzen,
dass in der Moral nur ein großes M vor dem hauptsächlich darin steckenden ORAL steht
und mit der Mündlichkeit und Schluckbarkeit des Dargebrachten all das Aufgebaute fällt

Am Fallstrick dieser Erkenntnis schwinge ich - ohne Netz und doppelten - vorbei an den Hintertüren
des Augenblicks in luftige Höhen, um den Ausblick zu genießen

 

KURZINFOS
Markus Köhle (*1975, Nassereith/Tirol) ist Sprachinstallateur, Poetry Slammer und Literaturzeitschriftenaktivist. Er schreibt, um gehört zu werden, verfasst Kolumnen für die Tiroler Straßenzeitung 20er, gibt die Literaturzeitschrift DUM (www.dum.at) heraus, veranstaltet Poetry Slams und Workshops im ganzen Land, ist Mitveranstalter des alljährlichen Innsbrucker Prosafestivals (http://prosafestival.wordpress.com) und pflegt seinen Blog und seine Homepage rege: www.autohr.at Zuletzt erschienen: Hanno brennt (Milena 2012), Heiraten schön trinken (Hg., Milena 2013), Ping Pong Poetry (mit Mieze Medusa, Milena 2013), Radfahren schön trinken (Hg., Milena 2014), Kuhu, Löwels, Mangoldhamster. Die vier Jahreszeiten der Wolpertinger (mit Bildern von Sabine Freitag, Sonderzahl 2015).

 


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