4/2017

Editorial 4/2017

Credit: Adrian Batty

Wirtschaft ist wie Schach, nur mit Würfeln. Auf der ISH Frankfurt standen Strategieänderungen im Mittelpunkt.

von: Klaus Paukovits

Schach ist ein komplexes Strategiespiel, das durch die Digitalisierung berechenbarer geworden ist. Denn hochleistungsfähige Schachprogramme sind seit 20 Jahren in der Lage, jede mögliche Entwicklung schneller und genauer vorauszuberechnen, als es Menschen ­jemals könnten. Alle professionellen Schachpartien werden sofort gespeichert, von Computern analysiert und die Ergebnisse den Datenbanken hinzugefügt. Schachprofis nutzen diese Möglichkeit, um sich optimal auf ihre Partien vorzubereiten. Aber nachdem das alle machen, wird es ­immer schwieriger, gleich gut vorbereitete Gegner noch zu überraschen. Die Wirtschaft wird oft mit einem Strategiespiel verglichen, doch anders als im Schach sorgt hier die Digitalisierung für Unberechenbarkeit. Sie hat in den letzten Jahren schon in einigen Branchen für "disruptive" Veränderungen gesorgt, wo innerhalb kürzester Zeit kein Stein des traditionellen Geschäftsmodells mehr auf dem anderen geblieben ist: von der Reisebranche über den Buchhandel bis zur Logistik. Und das Beispiel Nokia, das wegen der völligen Fehleinschätzung des Trends zum Smartphone innerhalb von zwei Jahren vom Marktführer zur Konkursmasse geworden ist, steckt bei vielen Konzernen angsteinflößend im Hinterkopf. Die Unsicherheit, wohin die bislang wenig betroffene Installationsbranche von der Digitalisierung getrieben werden wird, und das Bewusstsein, selbst rechtzeitig aktiv werden zu müssen, war auf der ISH Frankfurt deutlich zu spüren. Im Vordergrund standen logischerweise viele strategische Neuorientierungen, wobei die Entwicklungen in unterschiedlichste Richtungen laufen: Der Eine konzentrierte sich wieder auf seine Kernkompetenz, um sich nicht zu verzetteln, der Andere richtet sich als Komplettanbieter aus, um alle Anforderungen des Marktes abdecken zu können. Der Nächste wiederum schiebt seine Produkte an den Rand und stellt die digitale Kommunikation in den Mittelpunkt, während der Übernächste mit einer Vielzahl an neuen, in der Regel "smarten" Produkten zu punkten versucht. Neben Herstellern, die die Verbindung von Handwerkskunst und Design feiern, standen solche, die auch im Siphon eine SIM-Karte einbauen. Die Strategieänderungen wurden samt und sonders mit den Herausforderungen der digitalen Revolution erklärt. Darauf muss die Wirtschaft reagieren, klar. Und meist ergeben die Strategiewechel auch einen Sinn, weil sie auf die Stärken des jeweiligen Herstellers fokussiert sind. Nur manchmal, hie und da ... also ob man angesichts der unberechenbaren Zukunftsentwicklungen jetzt zur einen oder zur anderen Seite schwenkt, um die Mitbewerber doch noch zu überraschen ... ganz ehrlich: Manchmal hatte ich den Eindruck, dass um diese grundsätzlichen strategischen Entscheidungen nicht Schach gespielt wurde. Sondern gewürfelt.

Wir wünschen gute Lektüre mit der aktuellen Ausgabe 4/2017!


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